
Jenan hat zwar Abitur, aber keine Ausbildung. Dafür studieren alle vier Kinder der gebürtigen Irakerin oder arbeiten in ihrem Beruf. Sie selbst hofft, bald wieder eine feste Anstellung zu finden.
„Nach meiner Scheidung hat meine Geschichte eigentlich erst angefangen“, sagt die heute 54-Jährige. Sie meint damit, dass sie endlich ihr Leben selbst in die Hand nehmen konnte. „Ich wollte alles auf einmal“: einen Deutschkurs besuchen, den Führerschein machen, arbeiten – alles Dinge, die ihr Ex-Mann nicht zugelassen hatte. Doch ohne Ausbildung fand sie keinen festen Arbeitsplatz. Dabei sei Arbeit so wichtig, um sich zu integrieren. „Sonst funktioniert das nicht!“, ist sie überzeugt.
Im Jahr 2000 war sie mit Mann und zwei Kindern aus dem Irak geflohen. Deutschland sei eigentlich gar nicht ihr Ziel gewesen, sie wollten nur in Sicherheit, egal wohin. Nach Australien, wo ihre Verwandten lebten, konnten sie nicht weiterreisen. „Über Deutschland und Europa hatten wir in der Schule nur bis zum 2. Weltkrieg etwas gehört“, erzählt Jenan Eischoa, deren Nachname auf Aramäisch – ihrer Muttersprache – etwa so viel wie „Jesus“ bedeute. Sie selbst sei stolze Katholikin, wie sie betont.
Wo möglich, nahm sie kleinere Jobs an, engagierte sich ehrenamtlich und gab einmal sogar einen Kochkurs an der VHS. Doch ihr wichtigstes Ziel war es, dass ihre Kinder – heute 30, 29, 22 und 21 Jahre alt – gut in der Schule vorankamen. Alle gingen aufs Gymnasium, erlernten Musikinstrumente und waren zum Teil auch in Sportvereinen aktiv.
Der älteste Sohn ist heute Bauingenieur, macht gerade den Master und arbeitet derzeit noch in der Gastronomie, um seinen Lebensunterhalt zu verdienen. Die älteste Tochter hat Arzthelferin gelernt und Betriebswirtschaft studiert, sie ist im Personalwesen tätig. Die zweite Tochter studiert Psychologie und will Psychotherapeutin werden. „Als Schülerin wurde sie als eins der zehn intelligentesten Kinder in Bayern ausgezeichnet“, erinnert sich die stolze Mama. Der jüngste Sohn studiert Informatik und arbeitet nebenbei an der Uni.
„Was ich nicht konnte, sollten meine Kinder erreichen“, unterstreicht Jenan. Einmal war sie zu einem Elternabend an der Hofer Sophienschule eingeladen – und war der einzige Elternteil von dreißig Kindern, die überhaupt erschienen sind. Dabei ging es um ein neues Angebot für die Familien: Die Hofer Schulbegleitung stellte sich vor, ein Projekt, bei dem Ehrenamtliche Grundschulkinder zusätzlich zum Unterricht fördern.
Viele Kontakte geknüpft
Durch die Initiatorin der Schulbegleitung, Bettina Zschätzsch, lernte Jenan weitere Gruppen kennen. So kam es, dass sie nicht nur bald selbst bei der Schulbegleitung half, sondern sich bei einem weiteren Angebot, den „Stadtteilmüttern“, engagierte und andere zugewanderte Familien unterstütze. Und schließlich lernte sie eine Dame kennen, die sie in einen katholischen Frauenkreis einlud. Wiederum schloss sie viele neue Kontakte.
„Nur zur arabischen Community habe ich immer mehr Abstand gehalten“, erzählt Jenan. Dort gebe es ihr zu viel Tratsch – und immer wieder die Frage, wo ihr Mann sei. „In den arabischen Ländern ist eine Frau ohne Mann nichts wert“, erklärt sie. Sie habe erst lernen müssen, sich von dem Gerede über ihre Person abzugrenzen. Das sei „ein großer Kampf“ gewesen. Aber sie wolle hier in Freiheit leben wie die meisten Menschen und sich zum Beispiel nicht für die Kleidung rechtfertigen, die sie trägt.
So macht Jenan inzwischen alles, was ihr Spaß macht, geht ins Freibad und würde eigentlich auch gern mal wieder tanzen. Leider hat sie sich aber bei einem Arbeitsunfall einige Gelenke ruiniert. Denn als die Kinder größer waren, hat sie als Verkäuferin gearbeitet; das würde sie auch gern wieder tun. Derweil macht sie weiterhin viele Dinge ehrenamtlich, gibt zum Beispiel einen kleinen Deutschkurs für arabische Frauen. Für arabische? „Ja, ich will sie aus ihrer Blase rausholen!“, sagt Jenan bestimmt. Sie selbst habe „vergessen“, dass sie eigentlich aus dem Irak stammt und fühle sich als Deutsche – und das nicht nur, weil sie längst offiziell eingebürgert ist.
Mit einer bunt gemischten Gruppe aus alteingesessenen Hofern, Studenten und Zugewanderten lebt die leidenschaftliche Köchin ein weiteres Hobby aus: „Über den Tellerrand“ heißt die Community. Sie treffen sich etwa einmal im Monat, um internationale Gerichte zuzubereiten – und natürlich gemeinsam zu essen. Dabei sei Jenan ganz froh, dass sie hier einmal mal nicht den Ton angeben müsse, sondern im Team arbeiten kann. Und: dass sie was zu tun hat, denn „nur zuhause rumzusitzen ist kein Leben!“ Claudia Schott
Job gesucht
Wer Jenan einen Job anbieten möchte, zum Beispiel als Verkäuferin, kann sich gern bei den Integrationslotsinnen für die Stadt Hof unter Tel. (09281) 540 570-32 bei der Diakonie Hochfranken melden. Der Kontakt wird gerne hergestellt.
Mehr zu der Kochgruppe gibt es hier: https://ueberdentellerrand.org/standort/hof/
