„Was macht mein Glück aus?“ Eine Frage von Gewicht. Wer sich damit noch nie beschäftigt hat, muss erst mal tief durschnaufen und innehalten. Marco Stickel hat ein Theaterstück geschrieben, das sich dieser Frage widmet. Aufgeführt wird es ab Juni vom Spielclub H.A.I.D.E. des Jungen Theaters Hof, bestehend aus theaterbegeisterten Laien im Alter von 15 bis 85 Jahren.
Stickel kam vor knapp 15 Jahren als Schauspieler an das Hofer Theater. Schon im Kindesalter hat er bei seinen Großeltern im Fernsehen mit Begeisterung die Vorstellungen des Ohnsorg-Theaters verfolgt und selbst mit seinen Kuscheltieren am Vorhang zwischen Wohn- und Esszimmer Theaterstücke inszeniert.

Nicht nur dem Theater gilt seine Leidenschaft: „Ich wäre gerne ein guter und ernstzunehmender Schriftsteller – aber ich weiß nicht, ob ich das in diesem Leben noch schaffe.“ Müsste er sich entscheiden, er wüsste nicht, wofür. „Theater ist eine tolle Möglichkeit, sich als Individuum selbst kennenzulernen – aber auch als Teamplayer. Ich würde das Spielen nicht aufgeben wollen.“ Wer Regie führe, habe dafür mehr Möglichkeiten, schöpferisch tätig zu sein und sich zu verwirklichen. „Und dann das Schreiben: bei Null anfangen und alles selbst schaffen.“
Gut, dass Marco Stickel sich nicht entscheiden muss: „Eigentlich ist das mein Traumleben. Eine Melange aus spielen, inszenieren, schreiben …“ Wenn er Stücke schreibt, beschäftigt der Wahl-Hofer sich gerne mit Utopien oder Dystopien. „Mich interessiert weniger, wie es jetzt ist, sondern wie es sein könnte – im positiven wie im negativen Sinn. Das kommt in unserer Gesellschaft zu kurz; wir sind alle viel zu sehr damit beschäftigt, mit der Realität und den Nachrichten klarzukommen.“
Es sei ihm wichtig, im Kopf zu behalten, dass die Umstände – wie beispielsweise der Kapitalismus – nicht gottgegeben sind, und daran zu erinnern, wie großartig es sei, wenn Menschen sich gegenseitig unterstützen. Denn eigentlich verbinde die Menschen viel mehr als sie trenne. „Wir könnten anders, wenn wir wollten.“
Der Spielclub H.A.I.D.E., den Stickel leitet und für den er heuer das zweite Stück selbst geschrieben hat, entstand aus einem Volkshochschul-Projekt heraus. Die VHS hatte Laien für ein Theaterprojekt zum Thema „Respekt“ gesucht; Marco Stickel schrieb ein Stück und fragte zusätzlich zum von der VHS rekrutierten Personal einige Jugendliche an, die Jahre zuvor in dem damals von ihm geleiteten Jugendclub des Hofer Theaters gespielt hatten. So entstand eine bunt gemischte Truppe – „quer durch alle sozialen Schichten und altersübergreifend von 15 bis 85“.
Schnell war klar: „Wir möchten diese Gruppe erhalten und ans Theater bringen – sofern es mit einer Finanzierung durch Spenden und Sponsoring klappt.“ 2024 spielte H.A.I.D.E. (was übrigens für „Hof Agil Inspirierend Dramatisch Einzigartig“ steht) im Klosterhof der Diakonie ein Stück von Aristophanes. Obwohl gleichzeitig die Fußball-EM stattfand, waren alle Vorstellungen ausverkauft – und alle Besucher begeistert. 2025 stand ein Stück von Marco Stickel auf dem Programm: „25/25 – Hundert Jahre Suche nach dem Jetzt“.
Das diesjährige Stück aus der Feder Stickels, „Das Feld der Träume oder Ein Märchen vom Glück(lichen Ende)“ handelt von alternativen Lebensentwürfen und stellt die Frage, ob die Menschen das Leben leben, das sie wirklich leben möchten und das sie glücklich macht. „Es erfordert Mut, sich diese Frage zu stellen“, weiß Marco Stickel. „Denn es könnte ja sein, dass das Konsequenzen hat.“
Mut bringen auch die Laienschauspieler mit – und sind umso stolzer, wenn sie nach einer erfolgreichen Vorstellung den verdienten Applaus genießen. „Wir proben in unserem vierten Jahr miteinander mittlerweile sehr professionell“, berichtet der Leiter. „Und es macht großen Spaß, zu sehen, wie Menschen ihr Potenzial entwickeln. Wir neigen allzu oft dazu, in unserer Komfortzone zu leben und unsere Gaben gar nicht zu kennen. Theater möchte den Freiraum bieten, das zu entdecken.“ Bei H.A.I.D.E. kommt dazu noch „die grandiose Mischung“ von Menschen, die sich ohne das Projekt wohl nie begegnet wären – von theaterinteressierten Schülerinnen über Mitglieder der „Omas gegen Rechts“ bis hin zu Pensionären. „Die Neugier ist auf allen Seiten groß, und man unterhält sich auch über die Interessen und Werte der anderen.“
Stickels wichtigste Vorgabe, wenn die Proben beginnen: „Traut euch alles! Macht einfach!“ Das Erste, was man als Schauspieler ablegen müsse, sei die Frage: „Was denken die anderen?“. Kira und Hawin haben im Alter von 15 und zwölf Jahren im Rahmen von Jugendprojekten des Theaters Hof mit der Schauspielerei begonnen und sind von Anfang an bei H.A.I.D.E. dabei. Die jungen Frauen genießen das familiäre Verhältnis und das Gefühl, gemeinsam etwas zu erschaffen. „Man freut sich über jeden Erfolg und jeden Fortschritt – auch den der anderen“, erzählt Hawin. „Und man lernt die Menschen auf einem ganz anderen Level kennen.“
Von Marco Stickel haben beide viel gelernt. „Man kann mit allem zu ihm kommen“, sagt Kira. „Man kann alles verhandeln und Hilfe im Umgang mit seinen persönlichen Stärken und Schwächen bekommen.“ Am Theaterspielen liebe sie besonders, dass man Dinge tun kann, die man privat so nicht tun würde – „und auch mal wen Böses oder Dummes verkörpern“. Hawin schätzt es, „dass man sich selbst mal kurz auf die Seite stellen darf – und muss, um jemand ganz anderes sein zu können“. Auch das kann eine Form von Glück sein … Sandra Langer
Premiere
Am 18. Juni ist die Premiere von Marco Stickels Stück „Das Feld der Träume oder Ein Märchen vom Glück(lichen Ende)“ im Studio des Theaters Hof, am 28. Juni findet eine weitere Vorstellung statt. Karten für die beiden Vorstellungen gibt es über den Vorverkauf des Theaters Hof, Telefon 09281 / 7070 – 290, unter www.theater-hof.de und über Eventim.

