Im Hofer Stadtplan oder dem Navigationssystem sucht man den „Waldorfhügel“ vergeblich. Doch Eingeweihte haben gleich ein Bild vor Augen – von einem weitläufigen Gelände mit viel Grün samt Nutzgarten, Spiel- und Klettermöglichkeiten; von äußerlich unscheinbaren Gebäuden, die weit mehr beherbergen als nur funktionale Gruppen- und Klassenräume, und die alle Sinne ansprechen; und natürlich von (meist) fröhlichen Kindern aller Altersstufen.
Nachdem 1986 an der Kolpingshöhe, direkt an der Straße und doch ein wenig versteckt gelegen, der Hofer Waldorfkindergarten den Betrieb aufgenommen hatte, zog zehn Jahre später auch die 1992 gegründete Waldorfschule auf das weitläufige Areal am Otterberg um. Heute umfasst das Schuldorf insgesamt sechs Gebäude und entwickelt sich, den Anforderungen der Schule entsprechend, beständig weiter. „30 Jahre Waldorfhügel“ – das soll im Sommer ausgiebig gefeiert werden, nicht zuletzt, weil das 30. Schuljubiläum der Freien Waldorfschule Hof der Corona-Pandemie zum Opfer fallen musste.
„Unser kleines Bullerbü“ nennt Dana Lauterbach, Lehrerin und Mitglied der Schulführung, den Mikrokosmos aus Kindergarten, Krippe und Schule liebevoll, und macht zugleich deutlich: Auch hier gibt es mal Streit und Konflikte. Auch hier sind schlecht gelaunte Teenager schlecht gelaunte Teenager. Auch hier wird gelernt – anders als an staatlichen Schulen, aber nicht weniger effektiv. „Wir können mehr als nur unseren Namen tanzen“, scherzt Lauterbach, greift damit ein altbekanntes Waldorf-Klischee auf, und entkräftet es sogleich: Die Prüfungen für Mittlere Reife oder Abitur legen die Waldorfschüler ganz regulär an der Realschule und den Gymnasien der Region ab – und schneiden dabei nicht schlechter ab als die Schüler der staatlichen Schulen. Die Durchfallquote sei sehr gering.

Viel wichtiger jedoch: „Unsere Schüler wissen, welche Qualitäten und Fähigkeiten sie haben, und finden ihren Platz im Leben.“ Schon seit rund 100 Jahren setzt die Waldorf-Pädagogik auf das, was man heute neudeutsch „Soft Skills“ nennt – mit dem Ziel, junge Menschen individuell und ganzheitlich auf ein Leben in Selbstständigkeit vorzubereiten. Dabei unterscheidet sich das Konzept der Privatschule deutlich von dem staatlicher Schulen.
So bleiben Waldorfschüler von der ersten bis zur elften Klasse in ihrer vertrauten Klassengemeinschaft und werden im Idealfall bis zu acht Jahre lang von dem gleichen Klassenlehrer begleitet. Gearbeitet wird nicht nur mit dem Kopf. Auch Garten- oder Hausarbeit stehen auf dem Programm; die Schüler leben mit den Jahreszeiten und lernen viel über die Natur. Sie können sich im Kochen, Werken, Gestalten und Musizieren ausprobieren.
Gleicher Bildungsstand
Im sogenannten Epochen-Unterricht tauchen Klassen fünf bis sechs Wochen lang tief in ein bestimmtes Schulfach ein, anstatt die Inhalte über einzelne Wochenstunden verteilt zu lernen. Themen und Lehrpläne seien dem geistigen Entwicklungsstand der Kinder angepasst und unterscheiden sich von dem staatlicher Schulen darin, wann welches Thema behandelt wird. Keinen Unterschied gebe es jedoch beim Stand der Allgemeinbildung „unterm Strich“. Das belegen nicht zuletzt die Ergebnisse der Abschlussprüfungen.
„Und auch wenn es keine Noten gibt“, sagt Ulrike Häßler, Mutter und Mitglied des Öffentlichkeitskreises der Schule, „schreiben die Schüler Tests und werden bewertet. Die wissen ganz genau, wo sie stehen. Aber sie sind hier nicht so gestresst wie an anderen Schulen“, ist Häßler überzeugt. Die Mutter schätzt die persönliche Atmosphäre, die kurzen Wege und die individuelle Begleitung der einzelnen Schüler, die regelmäßig „dreckig und zufrieden“ nach Hause kommen – oder manchmal gleich gar nicht heim wollen.
Lehrerin Dana Lauterbach bezeichnet die Schule als „Ort der Familie“, der nur im engen Miteinander von Schülern, Lehrern und Eltern funktioniere, und als „Platz der Wertschätzung“, der Lust aufs Lernen wecken möchte, anstatt mit Strafen und Konsequenzen zu drohen.
Dazu gehöre auch, dass jeder Schüler sich mit dem zeigen darf und soll, was er oder sie besonders gut kann. Schon von der ersten Klasse an stehen die Waldorfschüler beim gemeinsamen Musizieren, bei Theater- oder Kunstprojekten und verschiedensten anderen Anlässen auf der Bühne und lernen, sich zu präsentieren und auf andere Menschen zu- und einzugehen. „Das ist eine der großen Stärken unserer Schule“, betont Dana Lauterbach. Und genau das bekomme sie auch oft von den Lehrkräften der kooperierenden Schulen, an denen ihre Schützlinge Prüfungen ablegen, zurückgemeldet. Ebenso wie von deren späteren Arbeitgebern, die die Aufgeschlossenheit der Waldorfschüler sehr schätzen.
Auch beim Martinsmarkt, zu dem es traditionell viele Ehemalige an ihre alte Schule zieht, zeige sich immer wieder, welch besonderes Gemeinschaftsgefühl am „Waldorfhügel“ herrscht, und wie die ehemaligen Schützlinge weit über ihre Schulzeit hinaus davon profitieren. Ulrike Häßlers Traum für das Ehemaligen-Netzwerk, das nun im Rahmen des Jubiläums entstehen soll: „Vielleicht bekommen wir ja tatsächlich alle zusammen …“ Sandra Langer
Jubiläum
Am Samstag, 4. Juli, plant die Hofer Waldorfschule ein großes Treffen aktueller und ehemaliger Waldorfschüler und -lehrer. Nachmittags steht ein Festakt auf dem Programm, abends eine Veranstaltung mit Festival-Charakter samt Foodtrucks und Musik. Ehemalige Schüler und Lehrer, die sich für die Veranstaltung interessieren, und / oder die in das geplante Alumni-Netzwerk aufgenommen werden wollen, wenden sich per E-Mail an alumni@waldorfschule-hof.de. Weitere Infos zur Veranstaltung werden in Kürze auf www.waldorfschule-hof.de veröffentlicht.

