Nach und nach betreten zahlreiche Frauen den großen Saal der Hofer Tanzschule Swing in der Marienstraße mit seinen Stuck-Verzierungen und dem schönen Parkett. Viele sind um die 60 Jahre alt; andere deutlich in den 70ern. Manche kommen in Leggings und Sportshirt; einige schick in Jeans oder Rock und Bluse. Was jedoch alle eint: strahlende Gesichter und sportliches Schuhwerk.
Es steht eine Movita-Stunde an. Das lizensierte Tanz- und Gesundheitstraining richtet sich ausschließlich an Damen ab dem Alter von rund 60 Jahren. (Aktuell sind sowohl Teilnehmerinnen in den hohen 50ern als auch eine 82-Jährige dabei.) Zum Aufwärmen ist zunächst einmal Gehen zu flotter Musik angesagt; es wird noch fröhlich gelacht und gequatscht. Bald schon ist jedoch höchste Konzentration gefragt: Nach verschiedenen Lockerungs- und Koordinationsübungen zum Takt der Musik steht der Tango auf dem Programm.
Ja – Tango kann man auch einzeln tanzen und auch im hohen und sehr hohen Alter. „Alle Movita-Übungen sind gelenkschonend und für jedermann machbar – auch mit körperlichen Einschränkungen“, erklärt Trainerin Theresa Seidel. Um das lizensierte Training leiten zu dürfen, müssen alle Tanzlehrer eine spezielle Zusatz-Ausbildung absolvieren. Nach einem Warm-up gibt es eine Tanzphase und einen Fitness-Teil für Kräftigung und Gleichgewicht; am Ende einen Cool-down. Manchmal wird mit Requisiten, wie beispielsweise einer Art Schwimmnudel, gearbeitet, und regelmäßig fließen abwechslungsreiche neue Übungen ein.
„Movita ist ein tolles Konzept“, sagt Tanzschul-Chef Thomas Lang. Aktuell gibt es in Hof vier und am zweiten Standort Plauen drei Movita-Gruppen. „Ohne Partner hatten ältere Frauen früher kaum eine Möglichkeit, tanzen zu gehen.“ Die Übungen erhalten zudem Mobilität und Fitness und schulen die Koordination. Theresa Seidel ergänzt: „Die Gruppen sind gut zusammengewachsen und treffen sich oft auch privat. Das Soziale spielt eine große Rolle – und das zieht sich durch die ganze Tanzschule.“
Thomas Lang, der die Tanzschule Swing gemeinsam mit seiner Schwester Corinna Lang und Ronny Tunger führt und heute nur noch wenige Kurse selbst unterrichtet, erzählt von einem Tanzkreis, der seit über 30 Jahren jeden Montagabend unter seiner Leitung zum Üben und Lernen zusammenkommt. „Das ist schon etwas Besonderes, und dieser Zusammenhalt ist uns sehr wichtig.“ Im vergangenen Jahr hat die Tanzschule Swing in Hof und Plauen groß ihren 35. Geburtstag gefeiert – unter anderen mit je einem Jubiläumsball mit über 1000 Gästen und Aufführungen der Weltmeister und „Let’s Dance“-Stars Valentin und Renata Lusin beziehungsweise Valentin Lusin und Ekatarina Leonova.
35 Jahre Tanzschule

In 35 Jahren Tanzschule hat sich vieles geändert – und anderes wiederum kaum: „Unser Hauptgeschäft ist der klassische Gesellschaftstanz.“ Und der boomt. Die Schüler aus Hof und dem Umland besuchen eifrig Tanzkurse und strömen mit Freude zum Abschlussball. Häufig haben auch die Eltern der Tanzschüler schon in der Swing tanzen gelernt. Manche sind dabeigeblieben, andere wagten einen Neuanfang, als die Kinder groß genug waren. Wieder andere steigen nach dem Berufsleben intensiv ins Tanzen ein.
„In vielen Städten ist das nicht so“, weiß Thomas Lang. „Manche Tanzschulen haben zu kämpfen.“ Auch welche Tänze und Kursangebote gefragt sind und welche nicht, unterscheide sich von Stadt zu Stadt. Trends spielen eine Rolle – und lassen sich nicht immer erklären: „Die Tanzschüler stehen bei uns aktuell total auf Paso Doble – der hat vor 20 Jahren keinen Menschen interessiert.“
Und weil bekanntermaßen beim Tanzen oft Männermangel herrscht, wird es bald ein weiteres Angebot für Frauen geben, das in so mancher größeren Stadt bereits boomt: Latin Lady Style. „Wir haben einen neuen Tanzlehrer aus Venezuela – und der hat Salsa, Bachata und Merengue voll drauf“, verrät Lang. Ebenfalls schwer im Trend ist ein Angebot, das sich an Männer und Frauen richtet, bei dem aber nicht paarweise getanzt wird, nämlich Line Dance. Der habe längst nicht mehr zwingend mit Country-Musik zu tun. „Es gibt Choreografien zu allen möglichen bekannten Pop-Song, die überall gleich unterrichtet werden.“ Wenn ein Line Dance-Fan in eine fremde Stadt kommt und dort eine Line Dance-Party ansteht, kann er also – mitten unter wildfremden Leuten – gleich mittanzen. „Das ist ein mords Gemeinschaftsgefühl.“
Auch HipHop und Breakdance oder Dance for Fans für Kinder ab dem Kindergartenalter, Jugendliche und Erwachsene gibt es in der Tanzschule Swing. Jeder soll dort Spaß am Tanzen haben – unabhängig von seinem Alter und unabhängig davon, ob er einen Partner hat oder nicht.
„Wenn einen die Lust einmal gepackt hat, ist Tanzen wie eine Sucht“, sagt Thomas Lang. „Man vergisst alles außenherum.“ Vermutlich ist das der Grund dafür, dass er in seinem Berufsleben nie mit schlecht gelaunten Menschen zu tun hat.
Auch die ausgebildete Tanzlehrerin und Movita-Trainerin Theresa Seidel liebt ihren Beruf. Sie ist nach ihrem eigenen Schülerkurs „hängen geblieben“, hat zunächst als Jugendliche in der Tanzschule gejobbt und später eine Ausbildung gemacht. „Es ist der schönste Job auf der ganzen Welt – und total vielseitig.“ Sie schätze das Arbeiten mit Kindern oder Jugendlichen genauso wie die Movita-Kurse, an denen die Seniorinnen so spürbar viel Spaß haben.
Bevor er sich entschieden hat, sein Hobby Tanzsport zum Beruf zu machen, wollte Thomas Lang übrigens Jurist werden. Doch er hat den Abbruch des Studiums und die Entscheidung, gemeinsam mit einer Schwester eine Tanzschule zu gründen, nie bereut. „Ich mache diesen Job jetzt im 36. Jahr – und habe nicht ein Mal darüber nachgedacht, ob das die richtige Entscheidung war. Ich würde keinen anderen Job lieber machen.“ Sandra Langer
Kursangebot
Die Movita-Kurse finden montags um 10.30 Uhr, dienstags um 17.15 Uhr und mittwochs um 9.15 Uhr und 10.30 Uhr statt. Interessentinnen können nach Anmeldung unter Telefon 09281/15400 kostenlos reinschnuppern.
Foto: Movita richtet sich an Frauen von zirka 60 Jahren an aufwärts und trainiert Mobilität, Fitness und Koordination.

