Bemerkenswerte Ruhe in einem Raum voller Kinder. Stirnrunzeln, Lippenkauen, Nähmaschinenrattern, zwischendrin ein leises Seufzen oder der Ruf: „Snow, kannst Du mir bitte mal helfen?“ Das Kinder-Nähcafé im Mehrgenerationenhaus in Hof zeigt, dass Handarbeit auch bei der jungen Generation alles andere als out ist…

Jede Woche steht ein anderes Projekt an – hoch im Kurs zum Jahreswechsel natürlich Weihnachts- und Winter-Deko. Jede Woche tragen Kinder stolz und strahlend ihre Schätze nach Hause. Und jede Woche scheint Leiterin Snizhana Tkach, genannt Snow, bei der Projekt-Auswahl noch kreativer zu werden als in der zuvor. „Alle Projekte habe ich mir selbst ausgedacht. Die Ideen fliegen immerzu durch meinen Kopf“, erzählt die Ukrainerin, die gelernte Grundschullehrerin ist und in ihrer Heimat ein Atelier betrieben hat.
Als die Geflüchtete, die sich inzwischen mit mehreren Jobs in der Textilbranche über Wasser hält, erfuhr, dass das Kinder-Nähcafé ehrenamtliche Helfer sucht, war ihr Interesse sofort geweckt. Immerhin vereint diese Aufgabe Snows Talente und Leidenschaften in perfekter Weise. Die Sprachbarriere war nicht lange ein Problem. Die Ukrainerin hat schnell Deutsch gelernt und inzwischen verschiedene Zertifikate abgelegt.
Snow geht geduldig auf alle Fragen ein, hilft weiter, wenn’s mal hakt, und spart nicht mit Lob für ihre Schützlinge. Die etwas älteren Kinder, die schon länger dabei sind, kommen zum Teil allein. Alle anderen haben ein Eltern- oder Großelternteil dabei. „Das stärkt die Familien – und das ist schließlich der Grundgedanke unseres Hauses, erklärt Natalja Schaller, Leiterin des Mehrgenerationenhauses der Diakonie Hochfranken. „Auch Väter haben schon mitgenäht.“
Das Material bezieht die Diakonie von Spendern. So stellt beispielsweise die Firma Rohleder regelmäßig Produktionsreste zur Verfügung. Aber auch private Spender bringen Stoffreste oder Wolle vorbei. „Das ist nachhaltig und spart Kosten.“ Unter anderem wegen dieses Nachhaltigkeitsgedankens wird das Hofer Kinder-Nähcafé auch regelmäßig von der Glücksspirale unterstützt.
Auch für Erwachsene
Vor dem Kinder-Nähcafé findet, ebenfalls wöchentlich, das Nähcafé für Erwachsene statt. Hier gibt es kein festes Projekt für alle. Die Teilnehmerinnen bringen eigene Arbeiten voran, plaudern, fachsimpeln – oder unterstützen Gäste bei deren Anliegen. Soll heißen: Wer mit einer Reparatur nicht weiterkommt, einen Rat von erfahrenen Näherinnen sucht, oder auch ganz praktische Unterstützung bei einer Näharbeit benötigt, kann hier einfach vorbeikommen und findet Hilfe. Maschinen sind vor Ort vorhanden, aber auch wer seine eigene Maschine mitbringen und an dieser etwas lernen möchte, ist willkommen.
Christine Hahn ist seit fast zehn Jahren ehrenamtliche Mitarbeiterin des Nähcafés, hat früher auch das Kinder-Nähcafé betreut und gibt ihr Wissen gerne bei den gemeinsamen Projekten mit Jean-Paul-Gymnasium oder Sophienschule weiter. Dem Nähen gehört seit Langem ihre Leidenschaft. Gemacht wird „alles, was irgendwo anfällt“ – von Reparaturen über Schürzen für Schüler bis hin zum Mundschutz in der Corona-Zeit. Dagmar Bayer ist ebenfalls jede Woche mit von der Partie. Sie hat nach ihrem Renteneintritt zum Nähcafé gefunden und kann sich vor allem für Patchwork-Kunst begeistern. „Wir sind da und helfen gerne“, bieten die beiden Näherinnen an. So habe man vor Kurzem beispielsweise eine Arbeitshose repariert und für einen Gast Vorhänge genäht. „Das ist eine tolle Unterstützung für alle Haushalte“, sagt Natalja Schaller, und ergänzt: „Die Damen haben goldene Hände!“
Unterstützung für alle
Goldene Hände hat nebenan im Kinder-Nähcafé offensichtlich auch der einzige männliche Teilnehmer. Als einer der treusten Besucher setzt der Junge alle Anweisungen mit viel Geduld akribisch um und braucht nur selten Snows Hilfe. „Er ist sehr talentiert. Aber jedes Kind bekommt hier die Unterstützung, die es braucht“, sagt die Ukrainerin, die sich jeden Freitag auf „ihre“ Kinder freut. Vorgängerin Christine Hahn erinnert sich an eine besonders treue Teilnehmerin: „Die ist als Kind zum ersten Mal ins Nähcafé gekommen und hat erst in dem Jahr aufgehört, in dem sie Abitur gemacht hat.“
Derweil surren die Nähmaschinen, eine Oma hilft ihrer Enkelin beim Einfädeln, und eine Grundschülerin quält sich mit der Frage, welche Knopf-Augen ihr Eulen-Kirschkernkissen bekommen soll… Freizeitspaß funktioniert hier ganz ohne Handy und Tablet. Sandra Langer
Infos
Das Nähcafé im Mehrgenerationenhaus, Sophienstraße 18a, findet immer freitags von 13 bis etwa 15 Uhr statt. Wer Hilfe bei einem Projekt braucht oder eine Reparatur hat, kann einfach vorbeikommen. Das Kinder-Nähcafé dauert ungefähr von 14 bis 16 Uhr. Nicht alle Kinder sollen gleichzeitig kommen, damit eine bessere Betreuung gewährleistet ist. Deshalb wird um Anmeldung unter Telefon 09281/540390578 gebeten. Bei kleineren und ungeübten Kindern sollte eine erwachsene Aufsichtsperson dabeibleiben.
Wer Stoffe spenden möchte, kann sich ebenfalls unter der oben genannten Telefonnummer oder E-Mail natalja.schaller@diakonie-hochfranken.de mit der Leiterin des Mehrgenerationenhauses in Verbindung setzen.
Bild:
Dagmar Bayer und Christine Hahn sind seit vielen Jahren Teilnehmerinnen des Nähcafés. Sie helfen interessieren Gästen bei Näh-Projekten oder übernehmen Reparaturen für Menschen, die das nicht können.
Fotos: Sandra Langer

